Endhaltestelle (Teil 2 – Hass)

20. Dezember 2011

„Nein!“, antwortete Peter der Frau. Ihm fiel einfach nicht ein, woher er sie kennen könnte, deswegen leugnete er lieber komplett. Doch sie wollte sich damit nicht so ganz zufrieden geben: „Sicher? Ich bin mir ganz sicher, dass wir beide uns schon mal gesehen haben!“ „Das glaube ich nicht. Zumindest nicht bewusst.“, erwiderte Peter. „Bist du dir da wirklich sicher? Ich kann mir kaum vorstellen, dein schönes Gesicht wirklich noch nie gesehen zu haben!“, fing sie an, zu flirten. „Ach du Scheiße!“, dachte Peter sich, „Wenn die so weiter macht, wird das gleich richtig peinlich!“. Aber er hatte Glück, denn der Zug fuhr in den nächsten Bahnhof ein und die Dame packte hektisch das Buch, das sie bisher gelesen hatte, in ihre Tasche: „Oh, schade, hier muss ich aussteigen! Aber ruf mich doch mal an…“, rief sie ihm im Aufstehen zu und drückte ihm eine Visitenkarte in die Hand. Peter schaute sich die Karte an und sah, dass die Frau Saskia hieß. Aber auch der Name half ihm nicht weiter dabei, sich daran zu erinnern, woher er sie kannte. Er steckte die Karte in seine Hosentasche und stellte seinen MP3-Player wieder lauter. Während am Fenster die hohen Bürohäuser der Innenstadt vorbeizogen, versank Peter wieder in Gedanken.

Am Anfang seines Studiums fiel ihm das Leben überhaupt nicht leicht. Plötzlich war er wieder unter so vielen Leuten und konnte machen, was er wollte. Gerade in den ersten zwei Semestern war das Studium ziemlich hart und er kam immer wieder an seine Grenzen. Aber er sah das Studium als seine große Chance für einen Neuanfang und biss die Zähne zusammen. Seinen Ehrgeiz hatte er über die Jahre schließlich nicht verloren. Er war gerade im zweiten Semester, als er an einem Samstagabend kurz vor Ladenschluss feststellte, dass er bei seinem Einkauf am Mittag das Waschpulver vergessen hatte. Da er am Montag darauf einen wichtigen Termin hatte und dafür unbedingt sein Hemd waschen musste, blieb ihm nichts anderes übrig, als noch mal zum örtlichen Supermarkt zu wandern. Sein Ärger über seine Vergesslichkeit war schlagartig weg, als er >sie< sah. Vermutlich fiel ihm direkt beim ersten Anblick die Kinnlade herunter. Sie war schätzungsweise in seinem Alter, hatte lange braune Haare und ein bildhübsches Gesicht. Sie stand vor dem Weinregal und suchte scheinbar eine bestimmte Flasche. Obwohl er gar keinen Wein brauchte, ging Peter auch in Richtung des Weins. Als sie ihn sah, lächelte sie ihn kurz an. Peter war sofort hin und weg von ihr. Obwohl er eigentlich immer eher der ruhigere und schüchterne Typ war, war ihm in diesem Moment sofort klar, dass er diese einzigartige Chance nutzen musste: „Hallo! Du scheinst was zu suchen… Kann ich dir vielleicht helfen?“, eröffnete er das Gespräch. „Ich fürchte, das kannst du nicht. Ich suche einen bestimmten Wein, den ich gestern getrunken habe. Ich weiß aber nicht, wie der heißt und jetzt gucke ich hier die Flaschen an und hoffe, dass mich die richtige anspringt“, sagte sie mit einem Lächeln. „Ne, da kann ich dir natürlich nicht helfen. Aber ich kann dir meinen Lieblingswein empfehlen, vielleicht gefällt der dir ja auch.“, gab Peter nicht auf. „Ja, warum nicht? Was ist denn dein Lieblingswein?“, fragte sie interessiert. Er suchte die entsprechende Flasche raus. „Die hier. Hmm…“, er zögerte kurz, „… was hältst du davon, wenn wir die Flasche zusammen trinken? Morgen Abend? Ich koche für uns!“. Sie lächelte wieder. „Das klingt interessant. Da komme ich doch gerne!“. Sie tauschten die Handynummern aus und verabredeten sich, die weiteren Details zum kommenden Abend telefonisch zu besprechen. Peter konnte sein Glück einfach nicht fassen. Diese Traumfrau hatte doch tatsächlich seine Einladung angenommen und würde zu ihm kommen, um sich bekochen zu lassen und Wein zu trinken. Er war so sehr aus dem Häuschen, dass er das Waschpulver wieder vergaß und nur mit einer Packung Wurst nach Hause lief. Diesmal war es ihm aber egal, als er seinen erneuten Fehler bemerkte, denn er war schließlich durchgehend mit freuen beschäftigt.

Der Abend mit ihr verlief traumhaft. Die beiden verstanden sich super und hatten viel Spaß miteinander. Daher war es auch nicht verwunderlich, dass sie sich direkt für den Abend darauf wieder verabredeten. Diesmal war sie dran mit kochen. Peter war sich ziemlich sicher, dass er mit Susi, so ihr Name, seine Frau gefunden hatte. Es sah auch für beide sehr danach aus, dass sie eine Beziehung wollten. Aber am zweiten Abend wurde Susi plötzlich ernst: „Peter, ich muss dir was sagen!“. Schlagartig bekam Peter Angst. Was würde jetzt kommen? Hatte sie wohlmöglich doch einen Kerl? Würde irgendwas gegen eine Beziehung sprechen? „Was denn?“, fragte er vorsichtig nach. „Ich… Es gibt da jemanden, von dem ich dir erzählen muss.“, sagte sie noch vorsichtiger. „Na toll! Scheiße! Sie hat doch einen Kerl! Maaaaaaaaaaan!“, dachte Peter sich, schwieg aber. „Es gibt jemanden in meinem Leben, von dem ich dir bisher noch nichts erzählt habe… Er heißt Tobi, ist 2 Jahre alt und mein Sohn.“, erlöste Susi ihn. „Puuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuh! Jetzt dachte ich schon… Aber das macht doch nichts, ich komme gut mit Kindern klar!“, freute Peter sich, um dann den Spieß umzudrehen: „Aber jetzt muss ich dir auch etwas sagen!“ – „Oh… hast du auch ein Kind?“ – „Nö. Aber ich hab fünf Jahre im Gefängnis gesessen!“, beichtete er. „Super, dann haben wir ja jetzt unsere düsteren Geheimnisse aufgedeckt und können weitermachen“, schloss sie das Thema ab.

Peter und Susi wurden ein Paar und waren fortan sehr glücklich. Schon nach ein paar Monaten zogen sie zusammen und waren mit Tobi nun quasi eine eigene kleine Familie. Doch eine Sache störte Peter mit der Zeit. Er wusste nichts über den Vater von Tobi, außer der Tatsache, dass dieser keinen Unterhalt zahlte und es deswegen mit dem Einkommen von Susi und Peters Erträgen aus Tätigkeiten neben seinem Studium immer wieder eng wurde zum Monatsende. Doch Susi wollte ihm den Namen des Vaters nicht verraten. Wie so oft war es der Zufall, der Peter in diesem Fall half. Denn eines Tages fand Susi beim Aufräumen ein Foto, das ihr aus der Hand auf den Boden fiel. Sie stürzte sich sofort darauf, um es aufzuheben. „Was war das? Zeig her!“, rief Peter und schnappte sich das Foto. Was er darauf sah, verschlug ihm die Sprache. Zu sehen waren seine Susi, Tobi und ein fremder Mann. Aber so fremd war ihm dieser Mann gar nicht, denn er erkannte ihn sofort: Es war Paul, einer seiner ehemaligen Klassenkameraden, die ihn damals so sehr gemobbt hatten…


Endhaltestelle – Es geht weiter!

18. Dezember 2011

Nachdem nun die Geschichte von der Entdeckung, der Flucht und dem anschließenden Prozess zu Ende erzählt ist, wird es in den nächsten Tagen mit einer Geschichte weitergehen, die ich im Sommer angefangen habe. Bisher sind zwei Teile veröffentlicht:

Ich verspreche auch, mir dieses mal nicht für jeden neuen Teil einen Monat Zeit zu lassen😉


Der Prozess (5 – Ende)

6. Dezember 2011

Das Nächste, woran ich mich wieder erinnern kann, war ein „Geh mal weg da, Pummelchen!“ von einer mir bekannten Stimme. Ach du Scheiße! Wie viel Pech konnte ich denn an dem Tag bitte gleichzeitig haben? Das konnte nur mein ehemaliger Kollege Mark vom Rettungsdienst sein. Und dass er eine weitere Person mit Pummelchen anredete, hieß auch überhaupt nichts Gutes. Dabei konnte es sich eigentlich nur um Erna handeln…

Und wie zur Bestätigung trötete sie ein „Patient kommt zuuuu sich“ durch den Raum. Ach du Scheiße! Es waren wirklich Erna und Mark. Dass die beiden überhaupt zusammen fahren durften, versteht außer der Wachleitung vermutlich niemand. Kein Mensch außer den beiden weiß so wirklich, was zwischen denen abgeht. Meistens schimpfen sie gegenseitig übereinander, besonders wenn der andere Part nicht anwesend ist. Und meistens werfen sie sich die lustigsten Sachen an den Kopf, bei denen niemand so wirklich weiß, ob sie das nun ernsthaft oder im Spaß meinen. Zwischendurch kamen auch mal Gerüchte über den Flurfunk, dass zwischen den beiden was laufen würde. Ich persönlich habe das nie geglaubt und seit ich einige Male abends mit Mark im Rosenheimer Nachtleben unterwegs war, um ein paar Cuba Libre zu vernichten, war ich mir da sogar ziemlich sicher.

Ich versuchte, mir einen Überblick über die Lage zu verschaffen. Was war eigentlich passiert? Und warum tat mir alles weh? Atmen fiel auch ziemlich schwer. Ich versuchte, die Augen ganz zu öffnen, was mir erst nach ein paar Anläufen gelang. Ich lag irgendwo in einem geschlossenen Raum auf dem Boden. Aber wo zur Hölle? Vielleicht noch in meiner alten Wohnung? Auuuu… Ein tiefer, stechender Schmerz im Bauchbereich durchfuhr mich. Ich wollte  meinen Kopf in die Richtung bewegen, wurde aber von der angelegten Halskrause daran gehindert. Fuck! Was war da passiert? Langsam wurde ich panisch. Hatte die dumme Kuh tatsächlich zugestochen? Wäre sie dazu fähig? Nachdem wir so lange Zeit zusammen waren? Aber andererseits hatte sie mich auch mit der Neuanfangs-Geschichte verarscht.

„Hallo?! Hallo!? Eyyyyy! Hörst du mich?“, hörte ich Mark rufen, während ich sein Gesicht über meinem sehen konnte.

„Was… was…. was ist passiert?“, wollte ich fragen. Aber es passierte einfach nichts. Meine Lippen bewegten sich nicht.

„Hat die Augen auf, aber reagiert nicht!“, stellte er für seine Kollegin fest, „Maaaan… Wo bleibt denn der Doktor?“

„Keine Ahnung… Wer hat heute eigentlich Dienst?“, fragte Erna.

„Die Anna“, wusste Mark Bescheid.

„Oh je… wahrscheinlich ist sie gerade wieder mit irgendwelchen Ex-Liebschaften von ihr beschäftigt„, lästerte Erna, wie sie es am besten konnte.

„Neidisch, Pummelchen?“

„Wat?“

„Du hättest gar keine Ex-Liebschaften, mit denen du dich beschäftigen könntest!“

„Bist du doof? Fressääää!“

Furchtbar! Einfach nur furchtbar! Ich hatte fürchterliche Schmerzen, lag hier machtlos am Boden, konnte mich nicht mal akustisch bemerkbar machen und musste mir jetzt auch noch dieses peinliche Schauspiel zwischen den beiden geben. Konnte es eine schlimmere Strafe geben? Ahhhhhhhhhhhhh! Und wieder der stechende Schmerz. Das tat soooooo brutal weh, solche Schmerzen hatte ich noch nie in meinem Leben. Der Schmerz wurde immer heftiger und ich spürte, wie meine Augen wieder schwerer wurden und ich sie nicht mehr aufhalten konnte.

„Ey! Ey! Ey! Komm schon! Bleib hier! Eyyyyyyyyy!“, hörte ich Mark schreien.

Aber es ging nicht mehr. Meine Augen schlossen sich und ich fing sofort an, zu träumen. Ich war im Auto unterwegs, laut Tacho sogar ziemlich schnell. Es ging in einen Tunnel. Mit der linken Hand hielt ich lässig das Lenkrad fest, in der rechten noch lässiger einen Longdrink. Was für ein verrückter Traum! Es kam im Tunnel eine Kurve und als ich diese passiert hatte, sah ich am Horizont das helle Licht des Tunnelausgangs. Ich nahm noch einen Schluck vom Cuba Libre und fuhr in das Licht hinein…


Der Prozess (4)

30. November 2011

Ich setzte mein künstlichstes Lächeln auf und schob sie wortlos in die Wohnung. Nachdem ich die Tür geschlossen hatte, musterte ich sie. Sie sah einfach nur geil aus! Mein Herz machte sofort einen Sprung, das war einfach MEINE Frau. In mir hatte sich einiges an Wut aufgestaut, weil sie mich damals betrogen hatte, aber wie sie jetzt so vor mir stand, konnte ich ihr einfach nicht böse sein. „Keine Angst! Ich tu dir nichts“, versuchte ich sie zu beruhigen, was aber nicht viel an ihrem verängstigten Gesichtsausdruck änderte. „Was willst du hier?“, fragte sie versucht künstlich kühl. „Versuch doch nicht, so übertrieben kühl zu reden, ich durchschau dich eh! Ich bin hier, um mit dir zu reden!“, erläuterte ich. Während sie kurz überlegte wanderte mein Blick durch die Wohnung, in der ich bis vor ein paar Monaten noch gewohnt hatte. Sie hatte so ziemlich alles verändert, ich erkannte kein einziges Möbelstück wieder. In Gedanken fragte ich mich, ob ihr Neuer wohl auch hier wohnt. Aber das wollte ich sie nicht fragen, da ich befürchtete, dass es die Stimmung kippen könnte. „Und wenn ich nicht mit dir reden will?“, beendete sie die Redepause. „Doch willst du. Du hast Fragen und willst Antworten, ich hab Fragen und will Antworten. Das trifft sich doch wunderbar“, erwiderte ich und drängte mich an ihr vorbei ins Wohnzimmer, um mich auf der (natürlich neuen) Couch niederzulassen. Seufzend folgte sie mir und setzte sich ebenfalls auf die Couch, aber ans andere Ende, möglichst weit weg von mir.

„Hilde, es tut mir leid! Ich hätte dir das alles so gerne mal in Ruhe erklärt. Es tut mir wirklich leid, dass du von meinem Doppelleben aus der Zeitung erfahren musstest“, bat ich um Entschuldigung.

„Du bist echt der größte Idiot auf der Welt!“

„Was?“

„Alter! Glaubst du wirklich, ich habe davon nichts gewusst?“

„Ähh… ehrlich gesagt: JA!“, rief ich erstaunt, während mir alle Gesichtszüge entglitten.

„Ich sag ja: Du bist ein riesen Idiot!“

„Jetzt erklär schon!“

„Ist bestimmt schon ein Jahr her, als du dich ein paar Abende sehr komisch verhalten hast. Ich dachte, du hast eine Affäre, deswegen bin ich dir an einem Abend gefolgt, als du nur mal kurz wegwolltest. Da bist du zu diesem Bürogebäude gelaufen. Ich wusste damit nichts anzufangen, denn eigentlich hast du doch im Rettungsdienst gearbeitet. Und jetzt läufst du plötzlich in ein Bürogebäude? Am späten Abend? Ich habe dann Michael, einen Freund von mir, der Journalist ist, gebeten, mit mir zusammen mehr herauszufinden.“

„DU HAST WAAAAAAAAAS?“, schrie ich.

„Ja… wir haben dann alles rausgefunden. Michael wollte daraus eine große Story machen, viel Geld verdienen und dich damit der Polizei ausliefern.“

„Warum hat er es dann nicht getan?“

„… Nun… ja… ähhh“, stammelte sie vor sich hin. Mir wurde klar, was das bedeuten musste.

„Du hast mit ihm gevögelt? Damit er die Fresse hält? Waaas?“, schrie ich sie an.

„Ja.“, gab sie kleinlaut zu, „Aber dann wurde da mehr draus. Ich habe mich in ihn verliebt und er sich in mich.“

„Oh… wie rooooooomaaaaaaaaaantiiiiiisch!“, warf ich ironisch ein, „Und er ist auch derjenige, mit dem ich dich gesehen habe? In der Tiefgarage?“

„Wann hast du mich gesehen?“

„Kurz bevor ich gefasst wurde war ich hier um mit dir zu reden. Dann habe ich dich in der Tiefgarage mit ihm gesehen. Als ich dann wieder abgehauen bin, wurde ich von der Polizei erwischt.“

„Es tut mir leid. Ich weiß, das war nicht richtig. Ich wollte das so nicht, eigentlich wollte ich bei dir bleiben. Aber Michael hat mich dann so toll getröstet, als du im Gefängnis warst.“

Mit fiel dazu nichts mehr ein und ich saß schweigend auf ihrer Couch. Das musste ich erstmal verarbeiten und einordnen…

„Aber das mit Michael ist schon wieder vorbei. Nach ein paar Wochen wurde er zum Arschloch und hat mich rumkommandiert. Ich habe dann auch gemerkt, dass ich immer noch sehr viel für dich empfinde. Wenn du dich stellst, dann bekommst du ein paar Jahre Haft und danach können wir noch mal richtig neustarten“, füllte sie die Stille. Darüber musste ich grübeln… Konnte ich ihr wirklich vertrauen? Wer konnte mir denn versichern, dass sie es sich nicht doch anders überlegen würde, während ich im Gefängnis sitze.

„Wieso denn warten? Lass uns zusammen abhauen! Irgendwohin weit weit weit weg!“, schlug ich vor.

„Nein! Ich habe keine Lust auf ein Leben auf der Flucht!“, entgegnete sie.

„Na gut… aber du musst mir versprechen, dass du auf mich wartest!“, gab ich nach.

„Versprochen!“, sagte sie und rutschte zu mir, um mir einen Kuss zu geben.

Ich stand auf, um zur nächsten Polizei-Station zu fahren und mich zu stellen. Sie ging kurz in die Küche, um sich etwas zu trinken zu holen. Während ich meine Jacke anzog, sah ich zufällig einen Ausschnitt von einem Bild in ihrer Vitrine. Zu sehen war ein Mann, den ich nicht kannte. Das wollte ich nun genauer wissen und ging zur Vitrine, um das Bild rauszuholen. Mich traf der Schlag und die Wut stieg augenblicklich in mir hoch. Das war einfach nur unglaublich! Auf dem Foto war sie mit einem Kerl zu sehen. Dieser Kerl war nicht Michael, von dem sie erzählt hatte, sondern der Polizist, der mich während der Vernehmungen rumgeschubst hatte.

„DU VERDAMMTE SCHLAMPE!!“, schrie ich sie an, „WAS DENKST DU DIR EIGENTLICH? WILLST DU MICH VERARSCHEN? VON WEGEN WARTEN UND NEUSTARTEN. DU DUMMES DRECKSSTÜCK! DU BIST MIT DEM SCHEISS-BULLEN ZUSAMMEN!“

„Tja!“, sagte sie trocken und holte ein Messer hinter ihrem Rücken vor…


Der Prozess (3)

31. Oktober 2011

Herbert blieb mit mir und dem Polizisten im Patientenraum, während Norbert sich hinters Steuer hockte und losfuhr.  Da wir mit Blaulicht fuhren, blieben mir vielleicht fünf Minuten bis zur Ankunft beim Krankenhaus. Fünf Minuten, in denen alles über die Bühne gehen musste. Norbert war der geplante Auslöser für die Aktion, also saß ich aufrecht auf der Trage und wartete darauf, dass er anfing, Schlangenlinien zu fahren. Doch nach einer knappen Minute Fahrt gab es plötzlich einen heftigen Schlag von rechts und einen lauten Knall… Ich wurde ordentlich durchgeschüttelt, aber von den Gurten der Trage auf dieser gehalten. Der Polizist hatte da weniger Glück: Er saß unangeschnallt auf einem der Begleiterstühle neben der Trage und wurde durch den Patientenraum geschleudert, bevor er verletzt und benommen in der Ecke liegenblieb. Herbert war zwar angeschnallt, aber beim Aufprall mit dem Kopf gegen die Seitenwand geprallt und daher auch etwas benommen. „Das ist deine Chance! Loos!“, schoss es mir durch den Kopf. Ich schnallte mich ab und lief zur Seitentür, als der Polizist versuchte, mich aufzuhalten. Aber mit einem kleinen Tritt in den Magen war das Problem aus dem Weg geschafft. ER hatte sich das mit seiner unfreundlichen Behandlung während meiner Vernehmungen auch nicht anders verdient. Ich wollte die Seitentür aufmachen, aber die klemmte und auch rütteln half nichts. „Scheiße!“, ging mir durch den Kopf, „Die Hintertür!“ Ich rannte zur Hintertür, welche zum Glück mit ein bisschen Gewalt aufging und stürmte in die Freiheit. Jetzt bloß weg hier! Aber zunächst wollte ich wissen, was passiert war. Der Bereich neben dem Rettungswagen sah aus wie ein Schlachtfeld. Ein weißer Audi war uns in die rechte Seite gefahren. Die Fahrerin saß noch in ihrem Auto und sah nicht wirklich gut aus. Zudem vermutete ich, dass sie einklemmt war. Aber erste Hilfe konnte ich jetzt nun wirklich nicht leisten und eine zusätzliche Anzeige wegen unterlassener Hilfeleistung war wohl eher das Geringste, um das ich mir Sorgen machen musste. Nachdem ich mich kurz orientiert und die Stelle, an der wir gestrandet waren, erkannt hatte, rannte ich los. Erstmal musste ich Vorsprung gewinnen. Es würde sicher nicht lange dauern, bis die Polizei am Unfallort ankommen und erkennen würde, um was für Transport es sich gehandelt hatte. Ich rannte die Seitenstraße entlang ohne wirklich ein Ziel zu haben. Weg! Einfach nur weg hier! Während ich rannte, überlegte ich, wie es weitergehen sollte. Mein eigentlicher Plan war vollkommen über den Haufen geworfen: Eigentlich sollte Norbert Schlangenlinien fahren, damit ich die Gelegenheit habe, den Polizisten zu überwältigen. Anschließend hätte ich Herbert und Norbert gefesselt und wäre an der vorher abgesprochenen Stelle geflüchtet. Das hatte sich aber nun erledigt, was für die beiden Kollegen nicht schlecht war, so dürften sie nicht auf ganz so viele dumme Fragen antworten müssen. Für mich hatte es aber den Nachteil, dass wir einige Kilometer vom eigentlich geplanten Ort entfernt waren, in dessen Nähe ein Helfer auch ein paar nützliche Dinge für mich versteckt hatte.

Nach 15 Minuten rennen war ich am Ende meiner Kräfte und in einer verzweigten Garten-Siedlung angekommen. Das erschien mir ideal: Viele einsame Grundstücke mit warmen Häuschen und drumherum nichts als Wald. Ein bis zwei Nächte könnte ich mich hier bestimmt sicher verstecken. Als ich durch die Siedlung schlenderte, sah ich eine Anwohnerin, die gerade ihr Auto aus der Garage fuhr. Als sie es mit laufendem Motor in der Einfahrt stehen ließ und ausstieg, um die Garage zu schließen, erkannte ich die einmalige Chance. Zwanzig Sekunden später saß ich am Steuer des Autos und drückte das Gaspedal durch. Im Rückspiegel sah ich die erschrockene Besitzerin wild mit den Armen fuchteln. Was dachte sie denn? Dass mich plötzlich das Gewissen überkommen und ich das Auto wieder abstellen würde? Es fiel mir nicht wirklich leicht, aber ich musste mich möglichst unauffällig mit dem Auto bewegen. Das Letzte, was ich in der Situation gebrauchen konnte, war eine Fotoshooting oder eine Verfolgungsjagd mit der Polizei. Mit dem Auto unterm Hintern konnte ich wieder in meinen eigentlichen Fluchtplan zurückfinden. Ich fuhr zum Versteck der nützlichen Dinge und packte diese ein. Anschließend führte mich mein Weg zu meiner ehemaligen Wohnung. Ich parkte das Auto in der Tiefgarage und ging ins Haus. Im dritten Stock klingelte ich. Meine Ex-Freundin öffnete die Tür und der Schreck fuhr ihr durch den ganzen Körper. „Was willst du denn hier?“, stammelte sie mit zittriger Stimme…


Twitter und Schwiegertochter gesucht

2. Oktober 2011

Derzeit läuft auf RTL wieder Schwiegertochter gesucht, was zusammen mit Bauer sucht Frau quasi die Königsklasse des Trash-TV ist. Jeden Sonntag um 19:05 Uhr heißt es einschalten und lachen. Aber so richtig Spaß macht das Ganze erst, wenn man es zusammen mit der ganzen Twitter-Timeline anschaut und nebenbei liest, was die Anderen alles mit dem Hashtag #sg schreiben. Bei der heutigen Folge habe ich anfangs im TweetDeck eine Spalte eingerichtet, die alle #sg-Tweets in Realtime angezeigt hat. Ich musste aber ziemlich schnell feststellen, dass es nahezu unmöglich war, dieser Spalte zu folgen, da es einfach zu viele Tweets waren. Dabei ist mir die Idee gekommen, mal eine statistische Auswertung zu den Tweets während einer „Schwiegertochter gesucht“-Folge zu machen.

Als Quelle diente dafür die Twitter-Suche, welche aber natürlich nur die öffentlichen Tweets anzeigt. Daher sind Tweets von Benutzern, die ihren Account protected haben, nicht in den folgenden Zahlen enthalten.

Während der heutigen Sendung, also zwischen 19:05 Uhr und 20:15 Uhr, wurden insgesamt 4.009 Tweets von 772 Usern geschrieben.

Nach Minuten teilten sich die Tweets so auf (ein Klick auf das Bild vergrößert es):

Die Minute mit den meisten Tweets war demnach 20:06 Uhr mit 161 Stück, was 2,68 Tweets pro Sekunde entspricht. Schön zu erkennen sind in der Grafik auch die zwei Werbepausen von 19:18 Uhr bis 19:24 Uhr und 19:51 Uhr bis 19:58 Uhr.

21,58% aller Tweets stammen von den 20 fleißigsten #sg-Twitterern. Die Top 3 wird dabei von @worst_day_ever, @VeeHutch und @TotallyTrash gebildet:

Und zum Schluss werfen wir noch einen Blick auf die meistverwendeten Clients, wo die Web-Oberfläche und TweetDeck vorne liegen:

Die Rohdaten für die Auswertung können hier im XML-Format heruntergeladen werden.


Der Prozess (2)

21. September 2011

Die letzte Nacht vor dem Prozess verlief beschissen. Ich konnte nicht wirklich schlafen, sondern grübelte die ganze Zeit über den folgenden Tag. Würde alles wie geplant klappen? Hatten alle an alles gedacht? Wenn nur ein kleiner Teil nicht funktionieren würde, wäre die komplette Aktion gescheitert. Ich hatte ein bisschen Angst davor, mich vorher zu verraten, aber da musste ich einfach durch.

Am Morgen wurde ich abgeholt und zum Gerichtssaal gefahren. Ich war extrem nervös und versuchte, mich innerlich zu beruhigen, indem ich mir selber Mut machte.  Auf meinem Platz angekommen, musterte ich den Staatsanwalt. Er sah ziemlich jung aus, hatte das Jura-Studium vermutlich noch nicht allzu lange abgeschlossen, und hatte viel zu viel Gel in den Haaren. Der Presserummel wegen dem Prozess schien ihm sehr zu gefallen, er posierte mit sichtbarem Vergnügen vor den Kameras. Was für ein trauriger Mensch…

Der Richter sah so aus, wie man sich einen Richter vorstellt: Graue Haare, Brille, von sich selbst überzeugt. Aber ein faires Verfahren erwartete ich erst gar nicht, es hatten einfach zu viele Leute Interesse an meiner Verurteilung. Allen voran der Bürgermeister, der für die bevorstehende Wahl gerne etwas Vorzeigbares haben wollte („Seht her, ich bekämpfe das Verbrechen erfolgreich!“). Das war auch der Grund, warum ich im ganzen Prozess nichts sagen wollte.

Die Verhandlung begann mit der Verlesung der Anklageschrift, in der böse Sachen über mich verbreitet wurden. Neben dem Drogenhandel sollte ich auch noch für ein paar Körperverletzungen zuständig sein und natürlich durfte auch der Unterdrückungs-Strafbestand schlechthin, der Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, nicht fehlen. Angeblich hätte ich mich bei meiner Festnahme gewehrt und versucht, nach Polizisten zu treten. Aha, gut zu wissen!

Nach 15 Minuten Verhandlung sah ich meinen großen Moment gekommen. Jetzt war mein gesamtes schauspielerisches Talent gefragt: Ich fasste mir immer wieder ans Herz und verzerrte das Gesicht, als hätte ich starke Schmerzen. Der Richter bemerkte das recht schnell: „Alles in Ordnung bei Ihnen?“ – „Ahhh… mir tut der Brustbereich so weh und ich kann meinen Arm kaum bewegen. Das muss irgendwas mit dem Herzen sein. Rufen Sie den Rettungsdienst!“, schrie ich zurück. „Jetzt bloß nicht auffällig werden. Das klappt! Exakt so weitermachen!“, wanderte in Gedanken durch meinen Kopf.

Der Richter rief über den Notruf den Rettungsdienst und nach anstrengenden und endlosen zehn Minuten kamen Herbert und sein Kollege in den Gerichtssaal gestürmt. Sie brachten die Trage direkt mit, um mich nicht im Saal, sondern im ruhigen Auto zu behandeln. Da musste natürlich die Polizei begleiten und es stieg ausgerechnet der Polizist, der mich bei den Vernehmungen so unfreundlich behandelt hatte, ein. Wäre ich nicht damit beschäftigt gewesen, Todesangst zu simulieren, hätte ich vermutlich grinsen müssen. Innerlich freute ich mich schon auf die nächsten Minuten.

„Hey ihr! Kommt zu so was nicht normalerweise auch ein Notarzt?“, fragte der Polizist. Nicht schlecht, der Junge. Er lag natürlich richtig, der Notarzt hätte auch zu diesem Einsatz fahren müssen. Aber ganz zuuufällig waren in den Minuten vor meiner Erkrankung alle Notärzte im Leitstellenbereich zu Einsätzen alarmiert worden und der nächste freie Notarzt aus dem Nachbarkreis brauchte mindestens 30 Minuten Anfahrt. Deswegen hatte Herbert auch sofort, als wir im Auto angekommen waren, der Leistelle die Rückmeldung gegeben, dass der Notarzt abdrehen kann, da wir eh in wenigen Minuten im nächsten Krankenhaus sind. Allerdings wollte ich dort nicht wirklich ankommen…


Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.