Einen Abend der Herbstfest-Zeit habe ich genutzt, um mir das Geschehen auch mal wieder von der anderen Seite anzuschauen und ein paar Maß (kurzes a, liebe Nicht-Bayern, kurzes a!) Bier zu vernichten. Natürlich nur, damit sie nicht in die Hände von Leuten, die besser nicht so viel trinken sollten, geraten! Ich kann auch ohne Alkohol! Alles im Dienste der Allgemeinheit, versteht sich
Die Zeit im Zelt verlief unspektakulär, um 23 Uhr war dort Schluss und es ging weiter in die Innenstadt. Dort waren aber alle Clubs und Bars völlig überfüllt und wir entschieden, noch in Richtung einer anderen Bar zu laufen, um zu schauen, wie es dort ausschaut. Da war es aber genauso voll und wir stellten uns an eine Straßenecke, um zu überlegen, was wir mit der angebrochenen Nacht machen. Während wir da so standen und überlegten, kam ein – ziemlich offensichtlich – betrunkener Junge, so um die 18, in unsere Richtung getorkelt. Er wollte bei uns stehen bleiben, was er nur dank der zufällig in seiner Armreichweite stehenden Straßenlaterne schaffte. Als der Junge dann weiterlaufen wollte, lief er drei Schritte rückwärts und es passierte, was passieren musste: Er stolperte über seine eigenen Beine und fiel mit dem Hinterkopf auf den Boden, wo er liegen blieb. Wir sind natürlich sofort zu ihm hin: ansprechbar war er nur bedingt und bei der Dunkelheit in der Ecke nicht zu erkennen, ob er am Kopf eine Wunde hatte. Also den Rettungsdienst gerufen und versucht, in der Zwischenzeit mit dem Jungen zu reden, was aber nicht wirklich möglich war. Auf keine meiner Fragen (Name, Wohnort, Alter, Erlebnisse der letzten Stunden) konnte er antworten, hat nur vor sich hingestammelt und ab und zu Wortfetzen von mir wiederholt.
Nach einer Viertelstunde kam der RTW und auf die Frage der Besatzung, wie er heißt und wo er herkommt, wusste der Junge mit vollem Namen und Anschrift zu antworten. Er konnte wieder ganz normal reden. Da kommste dir dann natürlich auch super verarscht vor… Medizinisch schien er fit zu sein und während überlegt wurde, wie er heim kommt, kamen seine Kumpels um die Ecke, die ihn natürlich schon laaaaaaaaaaaaaaange gesucht hatten und versprachen, ihn jetzt gleich mit dem Taxi heim zu bringen. Während der RTW wieder fuhr, haben wir das Taxi gerufen und noch zusammen mit dem Jungen und seinem Kumpel gewartet. Letzterem fiel dann plötzlich ein, dass er noch Geld abheben muss. Das Taxi kam und der Junge wollte plötzlich nicht mehr nach Hause: Wir sollen ihn los lassen und uns verpissen, er braucht uns nicht! Super-Situation also: Das bestellte Taxi steht da, der Fahrgast will nicht einsteigen und der Kumpel mit dem Geld ist verschollen.
Von der anderen Straßenseite kam dann jemand anders und setzte sich in das Taxi. Das schien dem Fahrer gerade recht zu kommen – er fuhr davon, die hintere Tür noch offen. Ich finde, diese Aktion beschreibt die Rosenheimer Taxi-Szene eigentlich recht treffend… Dann standen wir also da mit dem Typen, der langsam aggressiv wurde. Das war der Moment, in dem wir ihn einfach stehen lassen hätten sollen. Haben wir aber nicht… Ich holte wieder das Handy raus und wählte diesmal die 110 und schilderte meinem ziemlich unmotivierten Gesprächspartner die Situation: Betrunkener gestürzter junger Mann, Rettungsdienst, Rettungsdienst weg, weil mit Kumpels heim, Taxi gekommen, Typ will nicht Taxi fahren… In dem Moment tauchte sein Kumpel wieder auf, bekam mit, dass ich gerade mit der Polizei telefonierte und stürzte mit einem “Scheiße man, der ruft die Bullen!” auf mich zu, um sich vor mir aufzubauen und “LEEEG AUUUUUUUUUUF!” zu brüllen. Danach rannte er auf seinen Kumpel zu, trat auf ihn ein und schrie ihn an. War wohl etwas angepisst wegen dem durch ihn verursachten Ärger. Das erzählte ich dem Polizisten dann auch, dass die Lage gerade eskaliert. Dann kam sein Kommentar: “Ja, na und? Was soll ich da jetzt machen? Wenn der Rettungsdienst da war und die Kumpels gesagt haben, sie bringen ihn heim, werden die sich schon um ihn kümmern”. Das war der Moment, in dem ich mich fragte, was ich hier eigentlich gerade mache und warum ich meine Zeit hier auf der Straße verschwende… Ich sagte ihm dann noch unfreundlich, was ich davon hielt und legte auf. Ab dem Moment war mir dann auch alles scheiß egal und wir sind heimgegangen…
Bis Heute nerven mich an der Geschichte zwei Dinge: Erstens, dass ich nicht einfach gegangen bin, als der Typ nicht ins Taxi einsteigen wollte. Dann hätte er halt auf der Straße gepennt und wäre am nächsten Morgen ohne Geldbeutel aufgewacht. Na und? Hätte er ja so gewollt… Und zweitens die Reaktion der Polizei. Ich bin mir ziemlich sicher, wenn ich die ganze Geschichte weggelassen und nur erzählt hätte, dass hier gerade zwei Jugendliche auf der Straße randalieren, wäre sofort ein Auto geschickt worden.