Als ich vor ein paar Jahren als externer Entwickler in ein größeres Projekt kam, war das Projektteam auf zwei Standorte aufgeteilt. Der eine Standort war in Deutschland und der Andere in Indien. Das war damals üblich, Teile der Software-Entwicklung nach Indien auszulagern, also Offshore zu betreiben. Damit erhoffte man, Geld einzusparen, bzw. man erhoffte es nicht, sondern war sich ganz sicher, dass dem so ist. Ist ja klar: Ein indischer Entwickler kostet pro Stunde deutlich weniger als ein deutscher Entwickler, also muss sich das rechnen. Tut es natürlich nur, wenn man die Sache mit einem Horizont von 12 bis Mittag betrachtet. Da ist zunächst als erster Punkt die Umstellung der Projekt-Sprache. Multinationale Projekte müssen auf englische Sprache umgestellt werden, dies bedeutet im ersten Schritt die Übersetzung aller bisherigen Dokumente, zum Beispiel Test-Reports. Dann müssen alle Konzepte für Themen, die in Indien bearbeitet werden sollen, übersetzt oder direkt auf Englisch geschrieben werden. Damit gehen die Aufwände nach oben, denn niemand ist in einer fremden Sprache genauso effektiv wie in seiner Muttersprache. Je nach Englisch-Kenntnissen des jeweiligen Mitarbeiters kann dieser Mehraufwand mehr oder weniger ins Gewicht fallen. Weiter leidet die Kommunikation in einem Projekt, denn wenn ich jemanden habe, der sich auf Englisch nicht sehr sicher ausdrücken kann, wird er mit den anderen Projektmitarbeitern nur so viel kommunizieren, wie unbedingt notwendig ist. Dadurch gehen viele kleine Informationen zwischendurch, die einem irgendwann mal helfen könnten, verloren. Bei einem Outsourcing nach Indien kommt zusätzlich noch die Zeitverschiebung hinzu, wodurch sich der Zeitrahmen, in dem beide Standorte gleichzeitig arbeiten und miteinander kommunizieren können, verkleinert.
All diese Punkte haben dazu geführt, dass man nach einem guten halben Jahr einsehen musste, dass Outsourcing nach Indien ein Reinfall ist und die Geschichte beendet hat.
Jetzt könnte man natürlich meinen, dass die Management-Ebenen aus dieser Geschichte gelernt haben und das Thema für immer erledigt war. Pustekuchen! Es hat genau ein Jahr gedauert, dann kam man wieder auf den Trichter, dass deutsche Entwickler viel zu teuer sind und man sparen muss. Also suchte man wieder Outsourcing-Möglichkeiten und wurde in Osteuropa fündig. Rumänen sollten die goldene Zukunft für das Projekt sein. Weil der Begriff Offshore durch die schlechten Erfahrungen verbrannt war, zeigte man Kreativität und erfand einen neuen Namen: Nearshore. Gleicher Inhalt, andere Verpackung, nur dass zwei Nachteile von Indien wegfallen, denn beim Standort Rumänien gibt es das Problem der Zeitverschiebung nicht und der Weg nach Deutschland ist natürlich kürzer als der von Indien aus.
In dem Projekt sollten die Rumänen nur für Aufgaben eingesetzt werden, die zu klein waren, um sie gewinnbringend durch deutsche Entwickler erledigen zu lassen. Keinesfalls sollte irgendjemand durch einen rumänischen Entwickler ersetzt werden, das wurde immer wieder betont. Es kam natürlich anders und nach und nach wurden fast alle Entwicklungsaufgaben nach Rumänien ausgelagert. Auch für mich gab es dann irgendwann in diesem Projekt keine Arbeit mehr. Im Gegensatz zu manchen Kollegen schiebe ich aber keinen Hass auf die rumänischen Entwickler. Die verdienen an der ganzen Geschichte am allerwenigsten und machen im Grunde auch nur ihren Job zu dem in ihrem Land üblichen Lohn. Den Hass schiebe ich auf das deutsche Management, das trotz aller schlechten Erfahrungen wieder mit Outsourcing angefangen hat, alle negativen Seiten ignoriert und nur auf den direkten Vergleich der Stundensätze schaut.
In meinem aktuellen Projekt (beim gleichen Auftraggeber) haben sich diese Nachteile auch wieder recht schnell gezeigt: In den ersten sechs Wochen des Projekts waren die rumänischen Mitarbeiter vor Ort in Deutschland, da hat die Zusammenarbeit recht gut geklappt, wenn man die sprachlichen Barrieren mal ausklammert. Aber kaum war die weite räumliche Trennung wieder hergestellt, brach die Kommunikation fast vollständig zusammen. Und wenn wir das nicht in den Griff kriegen, wackelt der Releasetermin mehr als bedenklich…