Endhaltestelle (Teil 2 – Hass)

20. Dezember 2011

“Nein!”, antwortete Peter der Frau. Ihm fiel einfach nicht ein, woher er sie kennen könnte, deswegen leugnete er lieber komplett. Doch sie wollte sich damit nicht so ganz zufrieden geben: ”Sicher? Ich bin mir ganz sicher, dass wir beide uns schon mal gesehen haben!” “Das glaube ich nicht. Zumindest nicht bewusst.”, erwiderte Peter. “Bist du dir da wirklich sicher? Ich kann mir kaum vorstellen, dein schönes Gesicht wirklich noch nie gesehen zu haben!”, fing sie an, zu flirten. “Ach du Scheiße!”, dachte Peter sich, “Wenn die so weiter macht, wird das gleich richtig peinlich!”. Aber er hatte Glück, denn der Zug fuhr in den nächsten Bahnhof ein und die Dame packte hektisch das Buch, das sie bisher gelesen hatte, in ihre Tasche: “Oh, schade, hier muss ich aussteigen! Aber ruf mich doch mal an…”, rief sie ihm im Aufstehen zu und drückte ihm eine Visitenkarte in die Hand. Peter schaute sich die Karte an und sah, dass die Frau Saskia hieß. Aber auch der Name half ihm nicht weiter dabei, sich daran zu erinnern, woher er sie kannte. Er steckte die Karte in seine Hosentasche und stellte seinen MP3-Player wieder lauter. Während am Fenster die hohen Bürohäuser der Innenstadt vorbeizogen, versank Peter wieder in Gedanken.

Am Anfang seines Studiums fiel ihm das Leben überhaupt nicht leicht. Plötzlich war er wieder unter so vielen Leuten und konnte machen, was er wollte. Gerade in den ersten zwei Semestern war das Studium ziemlich hart und er kam immer wieder an seine Grenzen. Aber er sah das Studium als seine große Chance für einen Neuanfang und biss die Zähne zusammen. Seinen Ehrgeiz hatte er über die Jahre schließlich nicht verloren. Er war gerade im zweiten Semester, als er an einem Samstagabend kurz vor Ladenschluss feststellte, dass er bei seinem Einkauf am Mittag das Waschpulver vergessen hatte. Da er am Montag darauf einen wichtigen Termin hatte und dafür unbedingt sein Hemd waschen musste, blieb ihm nichts anderes übrig, als noch mal zum örtlichen Supermarkt zu wandern. Sein Ärger über seine Vergesslichkeit war schlagartig weg, als er >sie< sah. Vermutlich fiel ihm direkt beim ersten Anblick die Kinnlade herunter. Sie war schätzungsweise in seinem Alter, hatte lange braune Haare und ein bildhübsches Gesicht. Sie stand vor dem Weinregal und suchte scheinbar eine bestimmte Flasche. Obwohl er gar keinen Wein brauchte, ging Peter auch in Richtung des Weins. Als sie ihn sah, lächelte sie ihn kurz an. Peter war sofort hin und weg von ihr. Obwohl er eigentlich immer eher der ruhigere und schüchterne Typ war, war ihm in diesem Moment sofort klar, dass er diese einzigartige Chance nutzen musste: ”Hallo! Du scheinst was zu suchen… Kann ich dir vielleicht helfen?”, eröffnete er das Gespräch. “Ich fürchte, das kannst du nicht. Ich suche einen bestimmten Wein, den ich gestern getrunken habe. Ich weiß aber nicht, wie der heißt und jetzt gucke ich hier die Flaschen an und hoffe, dass mich die richtige anspringt”, sagte sie mit einem Lächeln. “Ne, da kann ich dir natürlich nicht helfen. Aber ich kann dir meinen Lieblingswein empfehlen, vielleicht gefällt der dir ja auch.”, gab Peter nicht auf. “Ja, warum nicht? Was ist denn dein Lieblingswein?”, fragte sie interessiert. Er suchte die entsprechende Flasche raus. “Die hier. Hmm…”, er zögerte kurz, “… was hältst du davon, wenn wir die Flasche zusammen trinken? Morgen Abend? Ich koche für uns!”. Sie lächelte wieder. “Das klingt interessant. Da komme ich doch gerne!”. Sie tauschten die Handynummern aus und verabredeten sich, die weiteren Details zum kommenden Abend telefonisch zu besprechen. Peter konnte sein Glück einfach nicht fassen. Diese Traumfrau hatte doch tatsächlich seine Einladung angenommen und würde zu ihm kommen, um sich bekochen zu lassen und Wein zu trinken. Er war so sehr aus dem Häuschen, dass er das Waschpulver wieder vergaß und nur mit einer Packung Wurst nach Hause lief. Diesmal war es ihm aber egal, als er seinen erneuten Fehler bemerkte, denn er war schließlich durchgehend mit freuen beschäftigt.

Der Abend mit ihr verlief traumhaft. Die beiden verstanden sich super und hatten viel Spaß miteinander. Daher war es auch nicht verwunderlich, dass sie sich direkt für den Abend darauf wieder verabredeten. Diesmal war sie dran mit kochen. Peter war sich ziemlich sicher, dass er mit Susi, so ihr Name, seine Frau gefunden hatte. Es sah auch für beide sehr danach aus, dass sie eine Beziehung wollten. Aber am zweiten Abend wurde Susi plötzlich ernst: ”Peter, ich muss dir was sagen!”. Schlagartig bekam Peter Angst. Was würde jetzt kommen? Hatte sie wohlmöglich doch einen Kerl? Würde irgendwas gegen eine Beziehung sprechen? “Was denn?”, fragte er vorsichtig nach. “Ich… Es gibt da jemanden, von dem ich dir erzählen muss.”, sagte sie noch vorsichtiger. “Na toll! Scheiße! Sie hat doch einen Kerl! Maaaaaaaaaaan!”, dachte Peter sich, schwieg aber. “Es gibt jemanden in meinem Leben, von dem ich dir bisher noch nichts erzählt habe… Er heißt Tobi, ist 2 Jahre alt und mein Sohn.”, erlöste Susi ihn. “Puuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuh! Jetzt dachte ich schon… Aber das macht doch nichts, ich komme gut mit Kindern klar!”, freute Peter sich, um dann den Spieß umzudrehen: “Aber jetzt muss ich dir auch etwas sagen!” – “Oh… hast du auch ein Kind?” – “Nö. Aber ich hab fünf Jahre im Gefängnis gesessen!”, beichtete er. “Super, dann haben wir ja jetzt unsere düsteren Geheimnisse aufgedeckt und können weitermachen”, schloss sie das Thema ab.

Peter und Susi wurden ein Paar und waren fortan sehr glücklich. Schon nach ein paar Monaten zogen sie zusammen und waren mit Tobi nun quasi eine eigene kleine Familie. Doch eine Sache störte Peter mit der Zeit. Er wusste nichts über den Vater von Tobi, außer der Tatsache, dass dieser keinen Unterhalt zahlte und es deswegen mit dem Einkommen von Susi und Peters Erträgen aus Tätigkeiten neben seinem Studium immer wieder eng wurde zum Monatsende. Doch Susi wollte ihm den Namen des Vaters nicht verraten. Wie so oft war es der Zufall, der Peter in diesem Fall half. Denn eines Tages fand Susi beim Aufräumen ein Foto, das ihr aus der Hand auf den Boden fiel. Sie stürzte sich sofort darauf, um es aufzuheben. “Was war das? Zeig her!”, rief Peter und schnappte sich das Foto. Was er darauf sah, verschlug ihm die Sprache. Zu sehen waren seine Susi, Tobi und ein fremder Mann. Aber so fremd war ihm dieser Mann gar nicht, denn er erkannte ihn sofort: Es war Paul, einer seiner ehemaligen Klassenkameraden, die ihn damals so sehr gemobbt hatten…


Endhaltestelle – Es geht weiter!

18. Dezember 2011

Nachdem nun die Geschichte von der Entdeckung, der Flucht und dem anschließenden Prozess zu Ende erzählt ist, wird es in den nächsten Tagen mit einer Geschichte weitergehen, die ich im Sommer angefangen habe. Bisher sind zwei Teile veröffentlicht:

Ich verspreche auch, mir dieses mal nicht für jeden neuen Teil einen Monat Zeit zu lassen ;)


Der Prozess (5 – Ende)

6. Dezember 2011

Das Nächste, woran ich mich wieder erinnern kann, war ein “Geh mal weg da, Pummelchen!” von einer mir bekannten Stimme. Ach du Scheiße! Wie viel Pech konnte ich denn an dem Tag bitte gleichzeitig haben? Das konnte nur mein ehemaliger Kollege Mark vom Rettungsdienst sein. Und dass er eine weitere Person mit Pummelchen anredete, hieß auch überhaupt nichts Gutes. Dabei konnte es sich eigentlich nur um Erna handeln…

Und wie zur Bestätigung trötete sie ein “Patient kommt zuuuu sich” durch den Raum. Ach du Scheiße! Es waren wirklich Erna und Mark. Dass die beiden überhaupt zusammen fahren durften, versteht außer der Wachleitung vermutlich niemand. Kein Mensch außer den beiden weiß so wirklich, was zwischen denen abgeht. Meistens schimpfen sie gegenseitig übereinander, besonders wenn der andere Part nicht anwesend ist. Und meistens werfen sie sich die lustigsten Sachen an den Kopf, bei denen niemand so wirklich weiß, ob sie das nun ernsthaft oder im Spaß meinen. Zwischendurch kamen auch mal Gerüchte über den Flurfunk, dass zwischen den beiden was laufen würde. Ich persönlich habe das nie geglaubt und seit ich einige Male abends mit Mark im Rosenheimer Nachtleben unterwegs war, um ein paar Cuba Libre zu vernichten, war ich mir da sogar ziemlich sicher.

Ich versuchte, mir einen Überblick über die Lage zu verschaffen. Was war eigentlich passiert? Und warum tat mir alles weh? Atmen fiel auch ziemlich schwer. Ich versuchte, die Augen ganz zu öffnen, was mir erst nach ein paar Anläufen gelang. Ich lag irgendwo in einem geschlossenen Raum auf dem Boden. Aber wo zur Hölle? Vielleicht noch in meiner alten Wohnung? Auuuu… Ein tiefer, stechender Schmerz im Bauchbereich durchfuhr mich. Ich wollte  meinen Kopf in die Richtung bewegen, wurde aber von der angelegten Halskrause daran gehindert. Fuck! Was war da passiert? Langsam wurde ich panisch. Hatte die dumme Kuh tatsächlich zugestochen? Wäre sie dazu fähig? Nachdem wir so lange Zeit zusammen waren? Aber andererseits hatte sie mich auch mit der Neuanfangs-Geschichte verarscht.

“Hallo?! Hallo!? Eyyyyy! Hörst du mich?”, hörte ich Mark rufen, während ich sein Gesicht über meinem sehen konnte.

“Was… was…. was ist passiert?”, wollte ich fragen. Aber es passierte einfach nichts. Meine Lippen bewegten sich nicht.

“Hat die Augen auf, aber reagiert nicht!”, stellte er für seine Kollegin fest, ”Maaaan… Wo bleibt denn der Doktor?”

“Keine Ahnung… Wer hat heute eigentlich Dienst?”, fragte Erna.

“Die Anna”, wusste Mark Bescheid.

“Oh je… wahrscheinlich ist sie gerade wieder mit irgendwelchen Ex-Liebschaften von ihr beschäftigt“, lästerte Erna, wie sie es am besten konnte.

“Neidisch, Pummelchen?”

“Wat?”

“Du hättest gar keine Ex-Liebschaften, mit denen du dich beschäftigen könntest!”

“Bist du doof? Fressääää!”

Furchtbar! Einfach nur furchtbar! Ich hatte fürchterliche Schmerzen, lag hier machtlos am Boden, konnte mich nicht mal akustisch bemerkbar machen und musste mir jetzt auch noch dieses peinliche Schauspiel zwischen den beiden geben. Konnte es eine schlimmere Strafe geben? Ahhhhhhhhhhhhh! Und wieder der stechende Schmerz. Das tat soooooo brutal weh, solche Schmerzen hatte ich noch nie in meinem Leben. Der Schmerz wurde immer heftiger und ich spürte, wie meine Augen wieder schwerer wurden und ich sie nicht mehr aufhalten konnte.

“Ey! Ey! Ey! Komm schon! Bleib hier! Eyyyyyyyyy!”, hörte ich Mark schreien.

Aber es ging nicht mehr. Meine Augen schlossen sich und ich fing sofort an, zu träumen. Ich war im Auto unterwegs, laut Tacho sogar ziemlich schnell. Es ging in einen Tunnel. Mit der linken Hand hielt ich lässig das Lenkrad fest, in der rechten noch lässiger einen Longdrink. Was für ein verrückter Traum! Es kam im Tunnel eine Kurve und als ich diese passiert hatte, sah ich am Horizont das helle Licht des Tunnelausgangs. Ich nahm noch einen Schluck vom Cuba Libre und fuhr in das Licht hinein…


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