Ich setzte mein künstlichstes Lächeln auf und schob sie wortlos in die Wohnung. Nachdem ich die Tür geschlossen hatte, musterte ich sie. Sie sah einfach nur geil aus! Mein Herz machte sofort einen Sprung, das war einfach MEINE Frau. In mir hatte sich einiges an Wut aufgestaut, weil sie mich damals betrogen hatte, aber wie sie jetzt so vor mir stand, konnte ich ihr einfach nicht böse sein. “Keine Angst! Ich tu dir nichts”, versuchte ich sie zu beruhigen, was aber nicht viel an ihrem verängstigten Gesichtsausdruck änderte. “Was willst du hier?”, fragte sie versucht künstlich kühl. “Versuch doch nicht, so übertrieben kühl zu reden, ich durchschau dich eh! Ich bin hier, um mit dir zu reden!”, erläuterte ich. Während sie kurz überlegte wanderte mein Blick durch die Wohnung, in der ich bis vor ein paar Monaten noch gewohnt hatte. Sie hatte so ziemlich alles verändert, ich erkannte kein einziges Möbelstück wieder. In Gedanken fragte ich mich, ob ihr Neuer wohl auch hier wohnt. Aber das wollte ich sie nicht fragen, da ich befürchtete, dass es die Stimmung kippen könnte. “Und wenn ich nicht mit dir reden will?”, beendete sie die Redepause. “Doch willst du. Du hast Fragen und willst Antworten, ich hab Fragen und will Antworten. Das trifft sich doch wunderbar”, erwiderte ich und drängte mich an ihr vorbei ins Wohnzimmer, um mich auf der (natürlich neuen) Couch niederzulassen. Seufzend folgte sie mir und setzte sich ebenfalls auf die Couch, aber ans andere Ende, möglichst weit weg von mir.
“Hilde, es tut mir leid! Ich hätte dir das alles so gerne mal in Ruhe erklärt. Es tut mir wirklich leid, dass du von meinem Doppelleben aus der Zeitung erfahren musstest”, bat ich um Entschuldigung.
“Du bist echt der größte Idiot auf der Welt!”
“Was?”
“Alter! Glaubst du wirklich, ich habe davon nichts gewusst?”
“Ähh… ehrlich gesagt: JA!”, rief ich erstaunt, während mir alle Gesichtszüge entglitten.
“Ich sag ja: Du bist ein riesen Idiot!”
“Jetzt erklär schon!”
“Ist bestimmt schon ein Jahr her, als du dich ein paar Abende sehr komisch verhalten hast. Ich dachte, du hast eine Affäre, deswegen bin ich dir an einem Abend gefolgt, als du nur mal kurz wegwolltest. Da bist du zu diesem Bürogebäude gelaufen. Ich wusste damit nichts anzufangen, denn eigentlich hast du doch im Rettungsdienst gearbeitet. Und jetzt läufst du plötzlich in ein Bürogebäude? Am späten Abend? Ich habe dann Michael, einen Freund von mir, der Journalist ist, gebeten, mit mir zusammen mehr herauszufinden.”
“DU HAST WAAAAAAAAAS?”, schrie ich.
“Ja… wir haben dann alles rausgefunden. Michael wollte daraus eine große Story machen, viel Geld verdienen und dich damit der Polizei ausliefern.”
“Warum hat er es dann nicht getan?”
“… Nun… ja… ähhh”, stammelte sie vor sich hin. Mir wurde klar, was das bedeuten musste.
“Du hast mit ihm gevögelt? Damit er die Fresse hält? Waaas?”, schrie ich sie an.
“Ja.”, gab sie kleinlaut zu, “Aber dann wurde da mehr draus. Ich habe mich in ihn verliebt und er sich in mich.”
“Oh… wie rooooooomaaaaaaaaaantiiiiiisch!”, warf ich ironisch ein, “Und er ist auch derjenige, mit dem ich dich gesehen habe? In der Tiefgarage?”
“Wann hast du mich gesehen?”
“Kurz bevor ich gefasst wurde war ich hier um mit dir zu reden. Dann habe ich dich in der Tiefgarage mit ihm gesehen. Als ich dann wieder abgehauen bin, wurde ich von der Polizei erwischt.”
“Es tut mir leid. Ich weiß, das war nicht richtig. Ich wollte das so nicht, eigentlich wollte ich bei dir bleiben. Aber Michael hat mich dann so toll getröstet, als du im Gefängnis warst.”
Mit fiel dazu nichts mehr ein und ich saß schweigend auf ihrer Couch. Das musste ich erstmal verarbeiten und einordnen…
“Aber das mit Michael ist schon wieder vorbei. Nach ein paar Wochen wurde er zum Arschloch und hat mich rumkommandiert. Ich habe dann auch gemerkt, dass ich immer noch sehr viel für dich empfinde. Wenn du dich stellst, dann bekommst du ein paar Jahre Haft und danach können wir noch mal richtig neustarten”, füllte sie die Stille. Darüber musste ich grübeln… Konnte ich ihr wirklich vertrauen? Wer konnte mir denn versichern, dass sie es sich nicht doch anders überlegen würde, während ich im Gefängnis sitze.
“Wieso denn warten? Lass uns zusammen abhauen! Irgendwohin weit weit weit weg!”, schlug ich vor.
“Nein! Ich habe keine Lust auf ein Leben auf der Flucht!”, entgegnete sie.
“Na gut… aber du musst mir versprechen, dass du auf mich wartest!”, gab ich nach.
“Versprochen!”, sagte sie und rutschte zu mir, um mir einen Kuss zu geben.
Ich stand auf, um zur nächsten Polizei-Station zu fahren und mich zu stellen. Sie ging kurz in die Küche, um sich etwas zu trinken zu holen. Während ich meine Jacke anzog, sah ich zufällig einen Ausschnitt von einem Bild in ihrer Vitrine. Zu sehen war ein Mann, den ich nicht kannte. Das wollte ich nun genauer wissen und ging zur Vitrine, um das Bild rauszuholen. Mich traf der Schlag und die Wut stieg augenblicklich in mir hoch. Das war einfach nur unglaublich! Auf dem Foto war sie mit einem Kerl zu sehen. Dieser Kerl war nicht Michael, von dem sie erzählt hatte, sondern der Polizist, der mich während der Vernehmungen rumgeschubst hatte.
“DU VERDAMMTE SCHLAMPE!!”, schrie ich sie an, “WAS DENKST DU DIR EIGENTLICH? WILLST DU MICH VERARSCHEN? VON WEGEN WARTEN UND NEUSTARTEN. DU DUMMES DRECKSSTÜCK! DU BIST MIT DEM SCHEISS-BULLEN ZUSAMMEN!”
“Tja!”, sagte sie trocken und holte ein Messer hinter ihrem Rücken vor…
