Der Prozess (2)

21. September 2011

Die letzte Nacht vor dem Prozess verlief beschissen. Ich konnte nicht wirklich schlafen, sondern grübelte die ganze Zeit über den folgenden Tag. Würde alles wie geplant klappen? Hatten alle an alles gedacht? Wenn nur ein kleiner Teil nicht funktionieren würde, wäre die komplette Aktion gescheitert. Ich hatte ein bisschen Angst davor, mich vorher zu verraten, aber da musste ich einfach durch.

Am Morgen wurde ich abgeholt und zum Gerichtssaal gefahren. Ich war extrem nervös und versuchte, mich innerlich zu beruhigen, indem ich mir selber Mut machte.  Auf meinem Platz angekommen, musterte ich den Staatsanwalt. Er sah ziemlich jung aus, hatte das Jura-Studium vermutlich noch nicht allzu lange abgeschlossen, und hatte viel zu viel Gel in den Haaren. Der Presserummel wegen dem Prozess schien ihm sehr zu gefallen, er posierte mit sichtbarem Vergnügen vor den Kameras. Was für ein trauriger Mensch…

Der Richter sah so aus, wie man sich einen Richter vorstellt: Graue Haare, Brille, von sich selbst überzeugt. Aber ein faires Verfahren erwartete ich erst gar nicht, es hatten einfach zu viele Leute Interesse an meiner Verurteilung. Allen voran der Bürgermeister, der für die bevorstehende Wahl gerne etwas Vorzeigbares haben wollte (“Seht her, ich bekämpfe das Verbrechen erfolgreich!”). Das war auch der Grund, warum ich im ganzen Prozess nichts sagen wollte.

Die Verhandlung begann mit der Verlesung der Anklageschrift, in der böse Sachen über mich verbreitet wurden. Neben dem Drogenhandel sollte ich auch noch für ein paar Körperverletzungen zuständig sein und natürlich durfte auch der Unterdrückungs-Strafbestand schlechthin, der Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, nicht fehlen. Angeblich hätte ich mich bei meiner Festnahme gewehrt und versucht, nach Polizisten zu treten. Aha, gut zu wissen!

Nach 15 Minuten Verhandlung sah ich meinen großen Moment gekommen. Jetzt war mein gesamtes schauspielerisches Talent gefragt: Ich fasste mir immer wieder ans Herz und verzerrte das Gesicht, als hätte ich starke Schmerzen. Der Richter bemerkte das recht schnell: “Alles in Ordnung bei Ihnen?” – “Ahhh… mir tut der Brustbereich so weh und ich kann meinen Arm kaum bewegen. Das muss irgendwas mit dem Herzen sein. Rufen Sie den Rettungsdienst!”, schrie ich zurück. “Jetzt bloß nicht auffällig werden. Das klappt! Exakt so weitermachen!”, wanderte in Gedanken durch meinen Kopf.

Der Richter rief über den Notruf den Rettungsdienst und nach anstrengenden und endlosen zehn Minuten kamen Herbert und sein Kollege in den Gerichtssaal gestürmt. Sie brachten die Trage direkt mit, um mich nicht im Saal, sondern im ruhigen Auto zu behandeln. Da musste natürlich die Polizei begleiten und es stieg ausgerechnet der Polizist, der mich bei den Vernehmungen so unfreundlich behandelt hatte, ein. Wäre ich nicht damit beschäftigt gewesen, Todesangst zu simulieren, hätte ich vermutlich grinsen müssen. Innerlich freute ich mich schon auf die nächsten Minuten.

“Hey ihr! Kommt zu so was nicht normalerweise auch ein Notarzt?”, fragte der Polizist. Nicht schlecht, der Junge. Er lag natürlich richtig, der Notarzt hätte auch zu diesem Einsatz fahren müssen. Aber ganz zuuufällig waren in den Minuten vor meiner Erkrankung alle Notärzte im Leitstellenbereich zu Einsätzen alarmiert worden und der nächste freie Notarzt aus dem Nachbarkreis brauchte mindestens 30 Minuten Anfahrt. Deswegen hatte Herbert auch sofort, als wir im Auto angekommen waren, der Leistelle die Rückmeldung gegeben, dass der Notarzt abdrehen kann, da wir eh in wenigen Minuten im nächsten Krankenhaus sind. Allerdings wollte ich dort nicht wirklich ankommen…


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