Endhaltestelle (Teil 1 – Erinnerungen)

Peter verstaute den Schuhkarton in seinem Rucksack und verließ den Treffpunkt, um zum nahegelegenen Bahnhof zu gehen. Dort stand ihm gleich die erste Bewährungsprobe bevor, denn er musste an einer Gruppe Polizisten vorbei, die dort gerade gelangweilt rumstanden. “Bloß nicht auffallen”, dachte er sich, “und bloß nicht auffallend unauffällig sein. Einfach ganz normal…” Damit die Polizisten nicht bemerkten, dass er den direkten Blickkontakt vermied, griff er zum uralten Trick und holte seine Handy aus der Hose, um ein bisschen alibimäßig darauf herumzutippen. Nachdem das erfolgreich klappte, ging Peter zum Bahnsteig, an dem seine S-Bahn ins Hotel fahren sollte. Der Bahnhof lag mitten in der Stadt und war daher durch viele Touristen bevölkert, die Peter während seiner Wartezeit beobachtete. Da war zum Beispiel das Pärchen, das vor dem U- und S-Bahnplan stand und aufgeregt auf Englisch diskutierte. Vermutlich würden sie gleich zum Service-Mitarbeiter gehen, welcher mit der englischen Sprache hoffnungslos überfordert sein würde, so wie alle Service-Mitarbeiter der Bahn, die am Wochenende an Touristen-Knotenpunkten eingesetzt werden.

Peters S-Bahn fuhr ein und er fand gleich einen Sitzplatz in einer der ruhigeren Ecken am Wagenende. Er schaltete seinen MP3-Player ein und guckte aus dem Fenster. Nach ein paar Minuten Fahrt kam die Bahn an einer Stelle vorbei, bei der Peter jedes Mal zusammenzucken musste. Es war die Stelle, an der sein persönlicher Albtraum begann: Vor 10 Jahren ging Peter in die 9. Klasse zur Schule. Er war aber schon immer eher der Typ Außenseiter. Zwar ziemlich schlau und daher in den meisten Fächern mit sehr guten Noten, aber eigensinnig, egoistisch und ohne wirkliche Freunde. In die gleiche Klasse ging auch Matthias, der das genaue Gegenteil von Peter war: Beliebt, viele Freunde, aber sehr schlechte Noten. Und Matthias konnte Peter nicht leiden und machte ihn fertig, wann immer es ging. Matthias war gleichzeitig der Klassenanführer und so machten alle Anderen beim Mobbing von Peter mit, um auch so cool zu sein, wie Matthias. Dieses Mobbing war wechselweise schwächer oder stärker. Mal verschwanden nur Arbeitsmaterialien, mal wurde er ständig beleidigt, mal rumgeschubst. Aber das, was an diesem Tag passierte, sollte alles übertreffen. Die Klasse war auf dem Rückweg von einem Ausflug in der Stadt, wo man ein Museum besucht hatte. Die Lehrer hatten sich schon verabschiedet, da sie in einer anderen Ecke der Stadt wohnten. Peter hatte danach noch ein Geburtstagsgeschenk für seine Mutter eingekauft, eine besondere Porzellanfigur, die sie unbedingt haben wollte, um ihre Sammlung zu vervollständigen. Danach machte er sich auf den Weg zum nächsten Bahnhof, der allerdings einige Gehminuten weg lag. So lief er unterwegs auf die Anderen aus seiner Klasse auf, die gemütlich unterwegs waren. Da er es eilig hatte, wollte er sie schnell überholen, doch als sie ihn sahen, wollten sie ihn nicht gehen lassen. Paul, der beste Freund von Matthias, riss ihn um und schubste ihn gegen eine Hauswand. “Was soll das? Lasst mich in Ruhe!”, schrie Peter. “Halt die Fresse, du dreckiger Streber! Guck dich doch mal an!”, brüllte Paul zurück und schubste ihn wieder gegen die Wand. Peter landete so ungünstig an dieser, dass die Porzellanfigur für seine Mutter in tausend Einzelteile zerbrach. Er guckte in seinen Rucksack und sah den Scherbenhaufen. Er hatte ein halbes Jahr darauf gespart und mehrere Ferienjobs erledigt, nur um seiner Mutter diesen Wunsch erfüllen zu können. Er hatte sich schon ihr Lächeln und ihre Freude beim Auspacken des Geschenks vorgestellt. Und jetzt hatten die Jungs aus seiner Klasse diesen Traum kaputt gemacht. Das war zu viel für ihn und er fing an, zu weinen. Das war natürlich gefundenes Fressen für die Anderen: “Hahaha, guckt euch dieses Mädchen an. Jetzt flennt er hier rum. Ey, Schwuchtel, brauchst du ein Taschentuch?”, grölte Matthias. In Peter stieg eine unfassbare Wut hoch und die musste raus: Er sprang auf Matthias zu und schlug zu. Und wieder. Und wieder. Und wieder. Matthias war von dem Angriff völlig überrascht und konnte sich nicht mehr wehren. Peter schlug sich in einen Rausch und haute immer wieder zu. Von den Umherstehenden ging niemand dazwischen und auch als Matthias zu Boden ging, schlug und trat Peter weiter auf ihn ein. All der aufgestaute Hass, all die seelische Folter der letzten Jahre in der Klasse fand so seinen Weg nach draußen. Erst, als zwei zufällig vorbeikommende Zivilpolizisten eingriffen, ließ Peter von Matthias ab. Für den kam die Hilfe zu spät, denn dieser Angriff hatte Folgen: Matthias war aufgrund der bleibenden Schäden für den Rest seines Lebens an den Rollstuhl gebunden.

Ein paar Monate später kam es zum Prozess gegen Peter. Er beschrieb die Mobbing-Attacken der letzten Jahre und was zu seinem Ausraster geführt hatte. Erklären konnte er sich diesen auch nicht, noch nie zuvor war er in eine Schlägerei verwickelt gewesen, hatte alle Konflikte mit Wörtern oder Aussitzen gelöst. Obwohl er von sich selber entsetzt war, konnte er sich nicht zu einer Entschuldigung gegenüber Matthias durchringen: “Er hat letztendlich dann doch bekommen, was er sich über all die Jahre verdient hatte”. Das war natürlich nicht gerade das, was der Richter hören wollte. Dazu kam, dass alle Zeugen aus seiner Klassen einstimmig aussagten, dass es das Mobbing in den letzten Jahren nicht gegeben hatte und Peter an diesem Tag völlig grundlos auf Matthias losgegangen war. Am Ende wurde Peter zu fünf Jahren Jugendgefängnis verurteilt.

Vor fünf Jahren war er aus dem Knast gekommen. Seine Schule konnte er dort zum Glück zu Ende bringen und am Ende sogar Abitur machen. Dank der Unterstützung seiner Eltern fand er recht schnell zurück ins Leben und zog in eine weit entfernte Stadt, wo er BWL studierte.

Nun war er also zurück in seiner Heimat, um mit der Vergangenheit aufzuräumen. Erst jetzt fiel ihm die blonde Frau, die ihm gegenüber saß, auf. Sie kam ihm irgendwie bekannt vor, aber er konnte sie nicht einordnen. “Verdammt! Woher kenne ich die nur?”, grübelte er. Die Frau schien das Gleiche zu denken, denn sie guckte Peter an und fragte: “Entschuldigung? Kennen wir uns vielleicht irgendwoher?”…

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