Nachts ist es am schönsten (4 – Finale)

Ich blieb erstmal stehen und beobachtete die Lage. Die Polizisten suchten sich einen Parkplatz und ich fing an zu grinsen. Sie hatten sich nämlich den denkbar schlechtesten Parkplatz ausgesucht: den von Horst, dem örtlichen Blockwart. Horst ist pensionierter Lehrer, hat keine Frau und keine Hobbys, aber viel Zeit und so sorgt er dafür, dass in der Nachbarschaft alles mit Recht und Ordnung zugeht. Was Recht und Ordnung ist, bestimmt natürlich er. Ich hatte mich sehr oft mit Horst wegen diversen Dingen gestritten, umso lustiger, dass nun ausgerechnet er mir den Arsch retten sollte. Das Ding mit dem Parkplatz war nämlich das: Horst hatte gar kein Auto. Nicht mal mehr einen Führerschein, den hatte er abgeben müssen, als er die 18 Punkte in Flensburg voll hatte, damals, als der Horst noch ein böser Junge war. Der Entzug der Fahrerlaubnis war der Punkt des Umdenkens und ab da verzichtete er auf das Auto und wurde zum Wächter über die Nachbarschaft. Sein Parkplatz gehörte aber mit zu seiner Wohnung und kostete ihn nichts extra, weswegen er ihn nie abgegeben hatte. Und obwohl er den Parkplatz mangels Auto nicht mehr benötigte, passte er Tag und Nacht darauf auf, dass ihn niemand Anderes benutzte. Es war schließlich seiner und da geht’s ums Prinzip!

Nun standen also meine Freunde der Polizei auf Horsts Parkplatz und dieser tat das, was er in so einem Fall immer tat: Er erzählte es dem Dieter,  seinem einzigen Freund im Viertel, und bat um Hilfe. Dieter holte dann immer sein Auto und parkte den Piraten-Parker auf Horsts Parkplatz zu. Dann gab es einen schicken Zettel an die Windschutzscheibe und wenn der Pirat wieder wegfahren wollte, eine Standpauke von Horst. So auch in diesem Fall und ehe die Polizisten sich versahen, waren sie eingeparkt. Das war meine Chance: ich verließ mein Beobachterposten, ging auf die Straße, guckte in Richtung der Polizisten, die mich auch gleich entdeckten, winkte ihnen freundlich zu, stieg in mein Auto und fuhr davon. Im Rückspiegel konnte ich sehen, wie sie gerade ausstiegen und mit Dieter und Horst diskutierten.

Eigentlich wäre es nach Plan jetzt zum Flughafen und ab in ein Land ganz weit weg gegangen, aber wie ich so durch die Gegend fuhr und über die Polizisten und Horst lachte, gefiel mir der Gedanke, noch ein bisschen Spaß mit der Polizei zu haben. Wäre es nicht viel lustiger, wenn ich in der Gegend bleiben und ab und zu mal in Überwachungskameras winken würde? Ich hatte vor langer Zeit mal mit gefälschten Papieren eine Wohnung in der Nähe angemietet, die ich jetzt nutzen konnte. Das Geld für die Miete ging von einem Konto ab, das ebenfalls die nicht existierende Person von meinem falschen Pass eröffnet hatte. Es führte also keine Verbindung von mir zu dieser Wohnung, die demnach das ideale Versteck war. Ich machte mir keine Sorgen, nicht mehr einkaufen oder ähnliches zu können, schließlich hatte ich niemanden umgebracht und so war wohl nicht mit einer öffentlichen Fahndung mit Plakaten zu rechnen.

Ich fuhr zu dieser Wohnung und sprang erstmal unter die Dusche. Da konnte ich einfach am besten abschalten und nachdenken. In der Wohnung war ich ziemlich sicher vor der Polizei, aber mein soziales Leben musste ich trotzdem aufgeben. Ich hatte zwar ein Zweithandy und damit auch alle wichtigen Nummern, aber wer weiß in so einem Fall schon noch, wer von den ehemaligen Freunden zu einem hält? Nach langem Überlegen sah ich ein, dass das Risiko schlicht zu hoch war.

Ein paar Tage hielt ich das durch, aber dann wurde die Sehnsucht nach meiner Freundin einfach zu stark. Ich musste sie sehen. Da ich der Polizei aber nicht in die Arme laufen wollte, brauchte das Vorbereitung: Gegenüber von meiner eigentlichen Wohnung war ein Café, in das ich mich morgens setzte und die Umgebung beobachtete. Nach ein paar Stunden hatte ich alles gesehen und die Polizei-Taktik durchschaut, welche nicht sonderlich intelligent war, denn sie hatten zwar an die Einfahrt der Tiefgarage gedacht, aber nicht an den Seiteneingang zu dieser hinter dem Haus. Das nutzte ich aus und kam so in die Tiefgarage. Im selben Moment kam meine Freundin mit ihrem Auto angefahren, allerdings war sie nicht alleine. Ich versteckte mich hinter einer kleinen Mauer und sah, wie sie mit ihrem Begleiter ausstieg und Hand-in-Hand zum Ausgang ging. “Ein Glück ist der Penner endlich abgehauen, jetzt können wir in unser Leben starten”, hörte ich sie sagen. Ich traute meinen Augen und Ohren nicht, da hatte sie doch tatsächlich einen neuen Kerl, mit dem scheinbar schon länger etwas lief. Und kaum war ich untergetaucht, war er bei ihr eingezogen und die beiden ganz offiziell zusammen. Das machte mich fassungslos und wütend, sofort kamen mir fiese Rachepläne in den Kopf, aber zunächst hieß es ruhig bleiben und klare Gedanken fassen, am besten in der sicheren Wohnung. Ich drehte mich also um und verließ die Garage wieder durch den Seiteneingang. Leider im falschen Moment. “Haaaaaaaaaaaaaaalt Stoooooooooooopp!”, hörte ich jemanden von weitem rufen. Fuck, ein Polizist! Jetzt hieß es rennen. So schnell wie ich konnte rannte ich zu meinem Auto, welches ich etwas weiter weg geparkt hatte, damit es nicht auffällt. Das und meine mangelnde Fitness wurden mir jetzt zum Verhängnis. Hinter mir rannten zwei Polizisten, die immer näher kamen und das Auto stand noch gute 500 Meter weg. Ich hatte keine Chance, bei der Hälfte der Strecke hatten sie mich eingeholt und zu Boden gebracht. Es war vorbei…

3 Antworten zu Nachts ist es am schönsten (4 – Finale)

  1. Wolfi sagt:

    Spannende Geschichte und ein spannendes Ende. Hoffe wir bekomme noch weitere Geschichten geboten. Danke :)

  2. [...] 3,5 Monate war es nun her, seit meine Flucht scheiterte. Nach der Festnahme wurde ich ins örtliche Polizeipräsidium zur Vernehmung durch die [...]

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